Uno-Debatte über einen “Extremismus des Dialogs

Die Debatte über Toleranz und Versöhnung, die von der höchsten Instanz der Vereinten Nationen angesetzt worden war, traf mit einer lebhaften Diskussion ins Schwarze. Moderiert wurde das Podiumsgespräch von der BBC Journalistin Laura Trevelyan: die Rolle der Religionen heute.

 

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Welche Rolle spielen die Religionen in der Welt von heute? Viele sehen in ihnen Kräfte, die den Frieden verhindern, unverarbeitete Dramen der Vergangenheit, die sich jetzt in einem gewaltsamen Extremismus Luft machen. Aber wäre die Welt wirklich friedlicher ohne die Religionen? Bei dieser Frage belebt sich die Debatte zum Thema: „Förderung von Toleranz und Versöhnung“, die von den Vereinten Nationen anberaumt worden war. Am zweiten Tag der Debatte kristallisieren sich in der Tat konkrete Richtlinien heraus.

Der Generalsekretär Ban Ki-moon schlägt bei der Eröffnung ein Beratungsgremium vor, bestehend aus führenden Vertretern der großen Weltreligionen, die den Vereinten Nationen zur Seite stehen auf der Suche nach Konfliktlösungen, die oft gerade von verschiedenen Religionen ausgetragen werden. 15 Religionsvertreter äußern sich dazu. Alle sind sich darüber einig, dass die Religionen zum Frieden beitragen und über reine Toleranz hinausgehen müssen und belegen diese Forderung durch das Beispiel von Personen in aller Welt, die das bereits im Alltag umsetzen.

Maria Voce spricht in ihrer Rede von der Erfahrung, die die Fokolar-Bewegung weltweit macht: „Die Begegnung zwischen Kulturen und Religionen erweist sich als fruchtbare Erfahrung, die sich nicht auf Toleranz oder einfach auf die Anerkennung der Unterschiede beschränkt, sondern die weiter geht über die grundsätzliche Versöhnung hinaus, und –sozusagen – eine neue gemeinsame, miteinander geteilte Identität schafft.“

Und das – so Maria Voce – geschah und geschieht in Krisenländern wie Algerien, Syrien, Irak, Libanon, Demokratische Republik Kongo, Nigerien, Philippinen.

ScreenshotBanKiMoonUm auf die Herausforderungen und die extreme Gewaltausübung angemessen zu reagieren, schlägt sie einen „Extremismus des Dialogs“ vor, also einen Dialog, der bis zum Äußersten geht, der „riskant, anspruchsvoll und herausfordernd ist und die Wurzeln des mangelnden Verständnisses füreinander, die Wurzeln der Angst und des Grolls ausreißt.“

Sie lädt ein zu einer „Zivilisation der Allianz“, einer universellen Zivilisation, in der sich die Völker als Teil einer großen, pluralistischen und faszinierenden Entwicklung betrachten: gemeinsam auf dem Weg der Menschheit zur Einheit. Sie rief die UNO dazu auf, über das eigene Selbstverständnis nachzudenken, die eigene Mission neu zu formulieren, um eine Institution zu sein, „die sich für die Einheit der Nationen einsetzt und dabei gleichzeitig den Reichtum der Identitäten der einzelnen Völker wahrt“.

Zu behaupten, dass die Religionen Urheber für Spannungen sind, ist ihrer Meinung nach mehr als eingeschränkt: „ Das, was wir in vielen Regionen der Erde erleben – vom Nahen Osten bis nach Afrika – hat wenig zu tun mit Religion, aber sehr viel mit den üblichen Rezepten für die Behauptung der Vorherrschaft und die hohen Gewinne der Rüstungsindustrien.“

Die Berufung der Religionen ist genau definiert: „Der eigenen Inspiration treu zu bleiben, der Goldenen Regel, der alle Religionen folgen, der Idee einer einzigen weltweiten Menschheitsfamilie.“

Darüber waren sich alle Beteiligten einig: die Religionen bringen den Frieden, wenn sie nicht für andere Zwecke missbraucht werden.

ONU-UN-screenshot_debate_mariavoceBei der Podiumsdiskussion am Nachmittag, die von der BBC-Journalistin Laura Trevelyan moderiert wurde, fragte sich der Rabbiner David Rosen, warum sich so viele Jugendliche zur extremen Szene hingezogen fühlten: „Vielleicht sind sie auf der Suche nach der eigenen Identität, nach einem Sinn für ihr Leben.“ „Bei den Vereinten Nationen erwähnt man normalerweise Gott nicht“, wagt sich Rabbiner Arthur Schneider vor. „Wie geht man mit der Tatsache um – und die UNO müsste ja neutral sein -, dass rund 5 Milliarden der insgesamt 7 Milliarden Menschen auf der Welt einer Religion angehören?“ Für Bhai Sahib Mohinder Singh, Sikh aus Birmingham, ist “Gott allgegenwärtig in jedem von uns, man kann also nicht sagen, Gott wäre nicht hier”. Und Maria Voce: „Man spricht von Gott, wenn man von Gerechtigkeit spricht, von Güterteilung, von nachhaltiger Entwicklung. Man spricht von Gott, wenn man darüber nachdenkt, was wir den zukünftigen Generationen hinterlassen. Das heißt, von Gott zu reden. Man muss es nicht immer auf abstrakte Weise tun.“

Wie kann man die Integrität des interreligiösen Dialogs wahren? Verzichten die anwesenden Religionsvertreter nicht auf etwas, wenn sie hier zur UNO kommen, um über Konfliktlösungsstrategien zu sprechen?

„Ich verzichte auf gar nichts“, kommentiert Maria Voce. „Ich bin hierher gekommen, um zu lieben, um meinen Beitrag der Liebe für die Menschheit zu geben. Diese Möglichkeit hat mich reicher gemacht.“

Zum Schluss ein Blick auf die neuen Generationen: „Wenn ich wieder zu Hause bin – so Maria Voce – werde ich alle Aktionen unserer Kinder und Jugendlichen unterstützen, denn ich glaube an ihre prophetische Kraft“. Dann gab sie das Wort an Ermanno Perotti weiter, den italienischen Jugendlichen, der sie auf der Reise nach New York begleitet hat. Der 25jährige Student für Wirtschaft der Entwicklung aus Florenz nimmt die Gelegenheit wahr, um den Atlas der Geschwisterlichkeit vorzustellen, ein Dossier, das Initiativen der Geschwisterlichkeit in der Welt präsentiert. „In der Hoffnung – so fügt Maria Voce hinzu – dass eines Tages auch diese ‚Fragmente der Geschwisterlichkeit‘ den Vereinten Nationen vorgelegt und von ihnen als solche anerkannt werden.“

Es wurde deutlich, dass die Religionen große Möglichkeiten haben, aber auch eine große Verantwortung: sie sollen Friedensboten sein und den heutigen Herausforderungen einen „Extremismus des Dialogs“ entgegensetzen, statt in ihrem internen Bereich zu verweilen.

Susanne Jansen, New York

 

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